Einblick in Fernost

06. Juli 2016
Die Globalisierung schreitet immer weiter voran, längst sind alle Erdteile miteinander vernetzt. Das öffnet viele Türen. Türen, hinter denen sich andere kulturell bedingte Sichtweisen verbergen und Türen, hinter denen Fachwissen schlummert, über das man sich austauschen kann. Gestern Nachmittag öffneten sich die Türen unserer Geschäftsstelle für den Kriminologen Prof. Dr. Minwoo Yun Kriminologe Prof. Dr. Minwoo Yun von der Gachon University aus Seoul/Südkorea, der einmal um die halbe Welt gereist ist, um uns einen Einblick in die südkoreanische Kriminalarbeit zu geben.
Bild: FA Krimbek

Ohne Konzept gegen Terroristen und Geiselnehmer
Nach einer kurzen Einführung seines Freundes und Gastgebers Charles A. von Denkowski – seinerseits M.A. Doktorand für Polizeiwissenschaft und Kriminologie in Bochum – begann Yun vor rund 25 gespannten Zuhörern über die Polizeiarbeit in seiner Heimat zu sprechen. Seit 1999 hat er sich das Thema Terrorismus groß auf die Fahne geschrieben, in der Heimat sowie bei vielen Studienreisen quer durch die Welt Kenntnisse erworben, von denen mittlerweile die südkoreanische Regierung und vor allem die Polizeiarbeit profitiert. Bis 2010 hatte Südkorea beispielsweise überhaupt kein Konzept, wie man mit Geiselnahmen umgeht, keinerlei Training und null Strategie. So eskalierten zahlreiche Einsätze. Gemeinsam mit anderen Fachkräften hat Yun seine von vielen Recherchereisen gespickten Erfahrungen genutzt und ein Programm entwickelt, bei dem Polizisten aktiv auf Ausnahmesituationen wie Geiselnahmen oder Terrorlagen vorbereitet werden. Seit 2012 werden die Polizisten in Basistrainingseinheiten und verschiedenen Fortbildungskursen trainiert. Heute bildet man beispielsweise Verhandlungsführer aus, die dann bei Geiselnahmen als Mittler fungieren. Dafür gibt es ein dreitägiges Seminar sowie einen darauf aufbauenden einwöchigen Kurs – nur zum Vergleich: In Deutschland bedarf es für eine derartige Einstufung jahrelanges Training.

Prof. Dr. Yun hat Strategien entwickelt, die Kriminalarbeit in Südkorea auf einen
besseren Weg geführt haben. Bild: FA Krimbek

Journalisten als Tatortermittler

Dass es mittlerweile überhaupt so etwas wie strategisches Vorgehen in bestimmten Situationen gibt, ist Yun und seinen Kollegen zu verdanken, wobei der Kriminologe stets deutlich macht, dass südkoreanische Polizeiarbeit noch immer in den Kinderschuhen steckt. Anhand einzelner Videos zeigte der Professor sehr eindrucksvoll, wie unkoordiniert sie noch vor wenigen Jahren ablief. Eine Folge der Vergangenheit, gehörten bis 1987 Folterungen doch noch zu den anerkannten praktizierten Polizeimaßnahmen. Seitdem wurde die Polizei massiv entmachtet, das ganze System komplett umgekrempelt, die Ausrüstung und Rechte der Polizisten auf ein Minimum zusammengestampft. Viel zu extrem, meint der Experte. Mittlerweile stürmen Medienvertreter neben Ermittlern an einen Tatort, verändern diesen massiv. Es gab lange Zeit überhaupt keine Absperrungen. Tonus so oft: Die Menschen haben eine Recht darauf, alles zu erfahren. Das System schützt sie, die Polizisten aber nicht. Kein Polizist traut sich, einen Schuss aus seiner Waffe abzugeben, zu groß die Ungewissheit über strafrechtliche Folgen. Ohnehin dürfen sie lediglich unter der Hüfte schießen, haben gerade einmal vier scharfe Patronen im einzigen Magazin, das sie bei sich tragen. Die Spezialkräfte verfügen über ganze 25 Schuss in der MP5. Dabei sind die Gefahren im täglichen Dienst unwesentlich geringer als in Europa. Auch Südkorea ist mittlerweile im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus durch den IS, weil sie, so Yun, als christliches Land wahrgenommen werden und viele, auch gewaltbereite Muslime aus Bangladesch, Pakistan, Malaysia, Afghanistan und die Philippinen einwandern.

Smart Kids bedrohen das System

Ein weiteres gravierendes Problem für die innere Sicherheit Südkoreas ist das Thema Cybercrime. Allein 5000 registrierte Angriffe auf die Regierung gibt es am Tag, die Dunkelziffer liegt um einiges höher. Yun erklärte, dass es sowohl kriminelle Hacker innerhalb des Landes gibt als auch diverse Angriffe von außerhalb. Zu den Verantwortlichen gehören der IS, aber auch Hacker aus China, die vor allem Wirtschaftsspionage betreiben. Die größte Gefahr geht vom Nachbarn im Norden aus. Der Professor zeigte grafisch, wie strategisch Nordkoreas Cybercrime aufgebaut ist und verwies vor allem auf die Bedeutung der so genannten Smart Kids. Die nordkoreanische Regierung rekrutiert Kinder im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren, bildet sie zunächst im Inland auf Eliteschulen aus. Später werden sie in die Welt geschickt, um in den USA und anderen Ländern weitere Kenntnisse zu erwerben. Man trimmt sie zu wahren Hackermaschinen, von deren Diensten das Regime später profitiert. (ow)

 Olaf Winkler, stellvertretender Vorsitzender des FA Krimbek und
Bezirksgruppenvorsitzender LKA (li.), Prof. Dr. Minwoo Yun und
Charles A. von Denkowski, Doktorand der Kriminologie
und Polizeiwissenschaften (re.). Fotos: FA Krimbek